Ausführliches Interview, veröffentlicht auf der Seite «Spain Today» der Plattform Weixin. Die chinesische Originalfassung kann über diesen Link gelesen werden:

那个受西班牙王后亲自颁奖的年轻人,和你不一样却又一样 (qq.com)

Nachfolgend die spanische Fassung des Interviews:

1. Ein Mensch behält stets eine besondere Beziehung zu einer Stadt oder einem Dorf, wie im Fall von Antwerpen, das man im Osten durch Rubens kennt. Du hast mir erzählt, dass in deinem Heimatdorf in Álava nur 1500 Menschen leben. Georg Simmel unterscheidet in seinen Werken «Die Großstädte und das Geistesleben» und «Philosophie des Geldes» zwischen Großstädten und kleinen Dörfern und betont, dass das Streben nach Geld in der kapitalistischen Gesellschaft mit dem inneren Verlangen nach Intimität und einer heiligen Berufung kollidiert. Was hältst du von dieser Sichtweise?

Der Zusammenprall von Dorf und Stadt ist ein wiederkehrendes Thema. In diesem Zusammenhang dürfen wir die horazischen Topoi des ‚locus amoenus‘ (die Anziehungskraft einer unberührten, reinen Natur) und des ‚beatus ille‘ (den Frieden und das Glück, die aus dem Leben fernab von Lärm und Skandal der Städte entstehen) nicht vergessen. Dennoch bleibt es ein Topos, denn auch in den Dörfern gibt es Lärm. Manchmal zu viel. So sagt ein beliebtes spanisches Sprichwort: „kleines Dorf, große Hölle“. In den Dörfern kennt jeder jeden, und obwohl es Ruhe, Frieden und viel Schönheit gibt, ist auch Platz für Klatsch und Bosheit. Zum Glück kann ich das von meinem Dorf Arceniega nicht sagen. Es ist wirklich ein außergewöhnlicher Ort, und die Leute sind meist angenehm, freundlich und wohlmeinend. Und als wäre das nicht genug, ist es außerdem eines der schönsten Dörfer im gesamten Norden Spaniens.

Zu der Frage, die du stellst, möchte ich hinzufügen, dass sich die Spannung zwischen Städtischem und Ländlichem in jüngster Zeit radikal verändert hat, dank der Entwicklung von Technologie, Kommunikation, Globalisierung und der Großstädte. Früher waren die Städte im Grunde noch kleine Dörfer, in denen die meisten Menschen einander kannten und in denselben kulturellen Kreisen verkehrten. Die Großstädte von heute haben einen völlig anderen Charakter. Das Individuum kann eine bis dahin unbekannte Autonomie erlangen und sein Dasein nach seinen Bedürfnissen gestalten, in nahezu perfekter sozialer Anonymität, wenn es dies wünscht. Außerdem scheinen sich die Arbeitsmöglichkeiten für den Großteil der Bevölkerung in den Städten und ihrer Infrastruktur zu konzentrieren, da Telearbeit zumindest in Spanien noch eine Minderheitenoption ist. Das hat zu einem massiven Exodus aus dem ländlichen Raum geführt, der zunehmend verlassen und überaltert ist. Zusammen mit der Masseneinwanderung wird dieses Phänomen die spanische Kultur und Identität radikal verändern.

In diesem Kontext ist die Stellung des Künstlers durchaus kompliziert. Einerseits sind die Schönheit und die Ruhe des Dorfes für das Schaffen außergewöhnlich. Andererseits finden sich die gesellschaftlichen und kommerziellen Möglichkeiten in den Großstädten.

2. Einige weltweite Wirtschaftsorganisationen sagen voraus, dass die Menschen wegen der Auswirkungen der Pandemie auf die psychische Gesundheit dazu neigen, stabile statt innovative Branchen zu wählen. Welche Kraft trägt dich also dazu, den Weg des Künstlerseins weiterzugehen?

Wer ein berufliches Abenteuer auf eigene Faust beginnt, nicht nur in der Kunst, sondern in jedem anderen Bereich, kann abwägen, was er gewinnen oder verlieren kann. Ich blicke immer lieber auf das, was ich gewinnen kann, denn ich fürchte weder Niederlage noch Scheitern. Was kann mir schon passieren, wenn ich scheitere? Dass ich mir eine Stelle als Angestellter suchen muss? Dass ich kein Millionär werde? Es wäre viel schlimmer gewesen, so zu enden, ohne es versucht zu haben, und mir täglich vorzuwerfen, nicht den Mut gehabt zu haben, mich dem zu widmen, wofür viele Leute sagen, dass ich Talent habe. Jedenfalls halte ich eine tiefere Analyse dieser Frage im Hinblick auf den spanischen Kontext für interessant.

Die Vorliebe für das Stabile gegenüber dem Innovativen reicht hier in Zeiten vor der Pandemie zurück. Zumindest in Spanien lässt sich eine sehr klare Verbindung zwischen der Generation nach dem Bürgerkrieg und dem Aufkommen dieser Kultur der Lebenssicherheit herstellen. Die Nachkriegsgeneration, noch stark traumatisiert von dem Erlebten und im Schutz des neuen Gesellschaftssystems des Franco-Regimes, gab der Ausbildung ihrer Kinder Vorrang. Medizin, Ingenieurwesen, Architektur oder Jura schienen sichere Wetten auf ein bequemes, sorgenfreies Leben zu sein, eher als Berufungen mit großem Lebensengagement. Mit dem Einzug der Demokratie erreichte diese Kultur ihren Höhepunkt, sodass sich im kollektiven Bewusstsein der Trugschluss festsetzte, dass technische Ausbildung gleichbedeutend mit Lebenserfolg sei.

Obwohl dieses Phänomen mit dem Streben nach Sicherheit einer Generation begann, die große Entbehrungen erlitten hatte, ist der Schlüssel zu seinem so langen Fortbestehen nicht praktischer, sondern moralischer Natur. Tatsächlich setzte sich im Zuge dieses Bestrebens, vermischt mit den katholischen Wurzeln unserer Gesellschaft, die Vorstellung durch, dass Erfolg nur die Folge von Leiden und Opfer sein dürfe. Erfolg ohne großes Leiden zu erreichen, allein durch Arbeit und Talent (künstlerisch, kommerziell, sozial …), wurde bald zu einer der am meisten verachteten und gefürchteten Tatsachen der spanischen Gesellschaft. Ich erinnere mich noch an die Worte vieler Lehrer in der Schule, die uns sagten: „Ihr studiert besser etwas Ordentliches, sonst landet ihr am Bau oder unter einer Brücke, im Elend“. Die große Ironie ist, dass diese technischen Fächer, die früher ein bequemes Leben sicherten, heute prekär geworden sind, vor allem wegen des großen Angebots an Arbeitskräften in diesen Branchen. So verdient ein Selbstständiger, der ein guter Handwerker im Bereich Renovierung oder Installation ist, deutlich mehr als viele angestellte Anwälte, Ingenieure oder Architekten. Ganz zu schweigen von denen, die sich selbstständig machen und über etwas kaufmännisches Talent verfügen.

Kurz gesagt: Sichere Arbeitsplätze sind nur eine Illusion. Denn abgesehen von all dem, was ich erwähnt habe: Was nützt eine feste Anstellung, wenn man diese Arbeit wirklich hasst? Diese Stabilität kann sogar eine endlose Strafe sein. Das heißt, man muss den Beruf suchen, der so weit wie möglich zu den Interessen und der Natur jedes Einzelnen passt. Je mehr der Beruf eine Berufung ist, desto mehr Erfolg wird man darin haben, denn meiner Meinung nach besteht Erfolg nicht so sehr darin, Geld zu verdienen, sondern gute Arbeit zu leisten und damit zufrieden zu sein.

3. Elaine Aron weist uns in «Sind Sie hochsensibel?» darauf hin, dass Künstler zu dem Fünftel der hochsensiblen Menschen gehören, was bedeutet, dass Künstler mehr Schmerz wahrnehmen können als gewöhnliche Menschen. Wie gehst du mit deiner Frustration und deinem Schmerz im Leben um, zum Beispiel dem Ende einer sehr wichtigen Beziehung, der Enttäuschung über ein Projekt usw.?

Sensibilität ist etwas, das ich nicht rationalisieren kann, das einfach da ist und geschieht. Der Schmerz hat mich immer geprägt; ich glaube, das Leben ist zu einem großen Teil eine tragische Erfahrung. Aber meiner Meinung nach besteht der Schlüssel darin, dass das Schmerzhafte nicht notwendigerweise negativ ist. Im Gegenteil, das Schmerzhafte kann schön sein, es kann gerecht sein und es kann gut sein, auch wenn es uns sehr wehtut. Andererseits stimme ich zu, dass der Künstler eine stärker entwickelte (oder besser gesagt: andere) Sensibilität für den Schmerz hat, weil seine Arbeit zu einem großen Teil in der Betrachtung der Welt und in der ästhetischen Artikulation der Gefühle, Empfindungen, Paradoxien und Widersprüche besteht, die er in ihr beobachtet. Selbst die abstraktesten Künste, wie die Musik, entstehen aus dieser Betrachtung der Welt und der menschlichen Natur. So ist der Künstler, mehr als schmerzempfindlich, einfach bewusst um seine Wirklichkeit, während die meisten Menschen dem Schmerz den Rücken kehren, weil sie nicht innehalten mussten, um ihn aufmerksam zu betrachten. Da sie nicht daran gewöhnt sind, ihn zu betrachten, werden sie unempfindlich, was jedoch nicht bedeutet, dass sie diese Sensibilität nicht entwickeln könnten. Die Künste (besonders Erzählung und Dichtung) sind tatsächlich der beste Weg, die Sensibilität zu bilden. In diesem Sinne kenne ich viele große Literaturleser, deren Sensibilität der vieler Künstler gleichkommt oder sie übertrifft. Zugleich kann der Künstler, wie der Leser, ins gegenteilige Extrem geraten und extrem unempfindlich werden, fast ein Psychopath, wenn die Betrachtung des Schmerzes zu groß, extrem, obsessiv und gefährlich wird.

Meine Art, mit Frustration umzugehen, ist das Vertrauen in mich selbst und in das, was ich tue. Wenn ein Künstler nicht an sich glaubt, ist er völlig verloren. Natürlich laufen viele Dinge nicht immer wie vorgesehen. Dennoch bin ich sicher, dass es darauf ankommt, darauf zu vertrauen, gute Arbeit zu leisten, die in sich wertvoll ist, und diese Anstrengung über lange Zeit aufrechtzuerhalten. Wie ich schon sagte: Die Zufriedenheit über gut getane Arbeit ist der wahre Erfolg.

4. Wer ist dein englischer Lieblingsautor, und welche Aufnahme oder welchen Einfluss hat er auf dein künstlerisches Bewusstsein gehabt?

Ehrlich gesagt fällt es mir sehr schwer, von einem Lieblingsautor zu sprechen. Es gibt viele Autoren der englischen Literatur und vieler anderer Sprachen, die mich nachhaltig beeinflusst haben. Um einige Namen zu nennen, bleibe ich bei der englischen Literatur bei diesen vier: Shakespeare, Milton, Keats und William Blake.

An Shakespeare bewundere ich seine Tiefe und Mehrdeutigkeit. Shakespeare zeigt wie wenige, wie ein Kunstwerk funktionieren muss. Vor allem, wie gute Kunst darin besteht, schwer lösbare Probleme zu formulieren. Während die klassische tragische Tradition stets auf ein transzendentes Schicksal hinwies, dessen Ratschlüsse der Mensch nicht vermeiden kann, und in einer vollkommenen, aber schmerzlichen Ordnung endete, erhellt Shakespeare die Wirklichkeit in ihrer ganzen Komplexität. Das Böse und das Gute, Klugheit und Dummheit, Tugend und Laster vermischen sich, bis sie ein unwiderlegbares Porträt der schwachen menschlichen Natur ergeben. Milton gefällt mir wegen seines Umgangs mit der Sprache, wegen seines Geschicks, einen Text zwischen Epos und Offenbarung zu bauen. Es ist fantastisch, wie er es schafft, dass «Das verlorene Paradies» wie ein beinahe offenbartes Buch von grenzenlosem Ehrgeiz erscheint. Sein Hauptwerk entstand, wie er selbst darin bekennt, in der Absicht, „Gottes Wege vor den Menschen zu rechtfertigen“, zweifellos der ehrgeizigste Grund, den man sich für das Schreiben eines Gedichts vorstellen kann. An Keats gefallen mir seine Sensibilität und seine absolute Schönheit. Ich glaube, ich habe wenige Dichter mit einem höheren Sinn für Schönheit gelesen. Die Art, wie er seine Metaphern entwickelt, die Musikalität und die evokative Kraft seiner Verse sind kaum zu übertreffen. Schließlich bewundere ich an William Blake seine radikale Originalität, seinen philosophischen und theologischen Ehrgeiz und seine Erkundung von Schönheit und Wahrheit durch die Stufen der Unschuld und der Erfahrung. In diesem Sinne hat es in der Geschichte keinen originelleren Dichter als ihn gegeben. Blake erfand seine eigene Mythologie, seine eigene Art zu drucken, seine eigene Art, seine Texte zu illustrieren … Außerdem bewundere ich, dass er keine einfache philosophische oder theologische Lesart anbietet; sein Denken enthält Nuancen, die der komplexen Wirklichkeit um uns herum gerecht werden.

5. Du sagtest, dass dir der chinesische Dichter Li Bai gefällt; einer seiner Verse lautet: 今朝有酒今朝醉,明日愁来明日愁, was bedeutet: „Heute gibt es Wein, heute wird getrunken, die Sorge lass für morgen.“ Li Bai vertrat eine Haltung, im Hier und Jetzt zu leben, tatsächlich sehr verschieden vom Rationalismus, den die kontinentale Philosophie des Westens betont. Was denkst du als Abendländer über Vernunft und Lebensplanung?

Was die Planung betrifft, halte ich es für notwendig, ein Ziel zu haben, aber zugleich ist es unmöglich, genau zu wissen, wie man dorthin gelangt. Wichtig ist, dem Kurs zu vertrauen und sich nicht der Lebensbereicherung zu verschließen, die ungeplante Erfahrungen hervorbringen. Tatsächlich können wir alle sehen, dass die Dinge, die ungeplant geschehen, gewöhnlich die schönsten und besten sind. Wenn man alle Variablen der Reise kontrollieren will, wird die Reise unmöglich, absurd und langweilig. Es muss immer Raum für Improvisation und Abenteuer geben. Kurz gesagt: Gesund ist meiner Meinung nach der Mittelweg zwischen Planung und Hedonismus. In diesem Sinne glaube ich, dass die östlichen Philosophien und Religionen häufig eine bessere Haltung gegenüber dem Leben haben. Deshalb identifiziere ich mich sehr mit dem taoistischen Prinzip des Wu Wei. Andererseits ist es problematisch, vom Westen als Einheit zu sprechen, da es einen sehr großen Unterschied zwischen der protestantischen Welt und den katholischen mediterranen Kulturen in der Sicht auf das Leben gibt. Die protestantische Ethik vereinfachte und verstofflichte die katholische Moral und ersetzte die Notwendigkeit guter Werke durch die götzendienerische Anbetung der Arbeit. Aus protestantischer Sicht sind Erfolg und Leistung im Beruf ein Zeichen göttlicher Gnade, während der Katholizismus nichtmateriellen Werten mehr Bedeutung beimisst. Noch heute können wir beobachten, wie sich der katholische Lebensstil völlig von dem Nordeuropas und der protestantischen Welt unterscheidet: Die Menschen sind weniger auf Nützlichkeitsdenken ausgerichtet und mehr auf Geselligkeit und Genuss. Deshalb glaube ich, dass Li Bais Lebenssicht gar nicht so verschieden ist von der katholischer Autoren wie zum Beispiel Quevedo. Und genau deshalb scheinen mir die Beziehungen zwischen China und der katholischen Welt so gut und fruchtbar, und die spanische Kultur in China so beliebt. Allerdings hat die Globalisierung der angloprotestantischen kapitalistischen Kultur die Werte und Traditionen der anderen Kulturen gefährdet. Mit dem Aufschwung der Globalisierung begann sich im ganzen Osten der Kult der übermäßigen Arbeit auszubreiten. Ich glaube jedoch, dass sich die Dinge jetzt ändern, und es freut mich zu wissen, dass China den unermesslichen Reichtum seiner wertvollen Traditionen vor dem angloprotestantischen Imperialismus schützt.

6. Du hast viele Freunde in Madrid. Aristoteles unterscheidet drei Arten von Freunden: Nutzen, Vergnügen und Tugend. Welches Prinzip leitet dich beim Schließen von Freundschaften?

Ich glaube, Freundschaft muss zutiefst altruistisch sein und einfach als Wille zu Verständnis, Hilfe und Liebe gegenüber anderen entstehen. Natürlich gibt es Faktoren, die im Zusammenhang mit Nutzen oder Vergnügen entstehen und diesem Willen eine besondere Färbung geben können, aber die Freundschaft, die ohne diesen Willen auskommt, ist keine wahre Freundschaft, sondern ein Zusammentreffen von Umständen im Leben der Menschen. Wenn dieses Zusammentreffen zu reiner, uneigennütziger Liebe führt, können wir von Freundschaft sprechen. Insofern stehe ich beim Gestalten meiner Freundschaften der Tugend näher, auch wenn sie häufig nicht in einem besonders tugendhaften Umfeld entstehen.

Dass ich eine Zeit lang als Verkäufer gearbeitet habe, hat mich paradoxerweise dazu gebracht, mich darauf zu konzentrieren, andere zu verstehen, denn bis dahin war ich zu sehr auf mich selbst zentriert. Und so öffnete sich mir eine neue Welt: Ich entdeckte, dass man sich selbst am besten kennenlernt, indem man andere kennenlernt und das entdeckt, was einem fremd ist, ohne die eigene Identität aufzugeben. Ich habe so viel von meinen Freundschaften gelernt, dass ich fünf Romane schreiben müsste, um es angemessen zu vermitteln. Andererseits sehe ich Freundschaft, wie schon erwähnt, gern als Dienst an den anderen und der anderen an einem selbst. Diese Dienstbereitschaft darf nicht mit dem Zweck der Freundschaft verwechselt werden, denn dann wäre es keine Freundschaft, sondern ein frivoles, vergängliches Interesse, wie Aristoteles zu Recht anmerkt. Die Hingabe, die wahre Freundschaft verlangt, ist die Frucht, die entsteht, wenn sie wahr ist, das heißt, wenn echte Liebe, Bewunderung und Verwandtschaft gegenüber einer anderen Person entspringen.

Was die Umstände der Freundschaft betrifft, die ich für wichtig halte, bleibt mir noch, das ständige Lernen zu erwähnen, das sie mit sich bringt. In diesem Sinne: Obwohl Aristoteles sich auf das Gemeinsame zwischen den beiden Beteiligten einer Freundschaft konzentriert, ist für mich das Interessanteste das, was mich von meinen Freunden unterscheidet. Das lässt mich über unendlich viele Themen und Umstände lernen, zu denen ich allein niemals gelangt wäre. Tatsächlich ist Freundschaft vor allem ein Vehikel des Lernens. Vielleicht wegen meiner Liebe zur Literatur liebe ich es, andere Wirklichkeiten kennenzulernen, denn für mich ist jeder Mensch eine offene Welt oder ein hochinteressanter Roman, und je verschiedener und fremder gegenüber meinen Umständen, desto mehr interessiert mich dieser Roman. So habe ich das Gefühl, dass ich umso mehr lerne, je mehr Menschen ich kenne, und besonders von den Menschen, von denen ich am wenigsten zu lernen erwarte.

7. Viele Experten sind besorgt über die Bedrohung der menschlichen Existenz durch künstliche Intelligenz. Zum Beispiel kann die Engine Midjourney, über die wir gesprochen haben, digitale Gemälde erzeugen. Was denkst du über die Unterschiede zwischen künstlicher Intelligenz und künstlerischem Schaffen? Bleibt die Kunst einzigartig wegen der Emotion, die Computer nicht ersetzen können?

Die Bedrohung menschlichen Schaffens durch künstliche Intelligenz ist ein immer häufiger wiederkehrendes Thema. Die neuen KI-Engines, die die breite Öffentlichkeit erreicht haben, zeigen erstaunliche Schöpfungen; man mag sich gar nicht vorstellen, was die fortschrittlichsten Modelle, die noch außerhalb der Reichweite der Öffentlichkeit sind, leisten können werden. Künstliche Intelligenz erzeugt harmonische, detaillierte, gut komponierte Bilder mit einem eigenen ästhetischen und stilistischen Sinn. Dennoch bleiben es digitale Reproduktionen. Die Malerei bietet ein physisches, einzigartiges Objekt, das im Laufe der Zeit tausend Nuancen in Zustand und Form unterworfen ist. Zwar werden digitale Kunst und Illustration sicherlich bedroht sein. Dennoch glaube ich nicht, dass sie sie oder irgendeine andere Kunstform völlig beseitigen wird, so wie die Fotografie die Malerei nicht beseitigt hat. Denn auch wenn künstliche Intelligenz die mittelmäßigsten Kunstwerke weitgehend ersetzen können wird, wird es ihr unmöglich sein, die Tiefe zu erreichen, die nötig wäre, um mit wahrer Kunst zu rivalisieren. Um das zu erklären, möchte ich einen sehr wichtigen Begriff aus dem Werk von William Blake anführen. Blake sagte, dass wahres Schaffen aus dem ‚poetic genius‘, dem poetischen Genius, hervorgehe. Für Blake ist der ‚poetic genius‘ eine schöpferische Weise, die Wirklichkeit wahrzunehmen, die Fähigkeit des Menschen, zu erschaffen, was nie zuvor erschaffen oder wahrgenommen wurde, jenseits des ‚Verhältnisses der fünf Sinne‘, das heißt der Summe dessen, was wir durch die fünf Sinne wahrgenommen haben. Künstliche Intelligenz kann nicht einmal die Wahrnehmung der fünf Sinne erfahren; sie arbeitet lediglich auf der Grundlage dessen, was Menschen ihres Wissens nach gefühlt haben. Das heißt, künstliche Intelligenz kann die Gefühle und Reaktionen, die Ereignisse bislang bei Menschen auslösen, sehr gut nachahmen, aber niemals ein Gefühl ausdrücken, das nicht schon empfunden wurde. Die Art, wie jeder Künstler die Welt empfindet, ist absolut einzigartig, und selbst wenn künstliche Intelligenz ein guter Hochstapler werden kann, wird sie stets hinter dem wahren Schaffen zurückbleiben. Angesichts dieser Wirklichkeit behaupten Entwickler und Experten für künstliche Intelligenz, dass sie irgendwann fühlen können wird, durch die rechnerische Nachbildung von Gehirnstrukturen. Dieses Szenario wirft noch viele Zweifel auf, und ich hoffe, dass wir nie dorthin gelangen, weil es das Ende des Menschlichen bedeuten würde.

8. John Berger betont für Künstler die Erfahrung der fünf Sinne. Zum Beispiel erwähnt er «Der Tastsinn» von José de Ribera im Prado-Museum. Andererseits ist auch der Genuss von Tee, den du so sehr magst, eine Art Pflege des Geschmacks. Kannst du uns von einer Erinnerung erzählen, die in deinen fünf Sinnen Spuren hinterlassen hat?

Die Künste spielen tatsächlich mit den Sinnen, und im Wesentlichen ist Kunst eine sinnliche Erfahrung. Vielleicht ist das Interessanteste an diesem Aspekt, wie unsere Sinne beim Betrachten von Kunst geweckt werden können. Ribera ist ein großartiges Beispiel für diesen ästhetischen Umstand. Seine Werke wecken durch außergewöhnlichen Umgang mit dem Volumen, durch das Licht, das er verwendet, und seinen Farbauftrag den Tastsinn. In dem von Berger erwähnten Werk verstärkt sich diese Empfindung noch durch das gewählte Thema: Ribera hätte nie ein geeigneteres Thema für seine Malerei wählen können. Wenn ich auf persönliche Erinnerungen an die fünf Sinne verweisen soll, blieben mir viele Erinnerungen an fantastische Abendessen mit ausgezeichnetem Wein und guter Gesellschaft. Wenn ich mich auf die Erfahrung der Sinne in der Kunst beziehe, würde ich ohne jeden Zweifel bei Velázquez bleiben. Velázquez ist der sinnliche Maler schlechthin, denn seine Malerei bietet ein völliges Eintauchen in das Geschehen und vermag fast alle Sinne zu wecken. In «Die Spinnerinnen» zum Beispiel kann man nicht nur die Bewegung sehen, sondern auch das Treiben und die Verwirrung der komplexen Szene hören. In «Die Schmiede des Vulkan» spürt man den Schweiß, den Geruch von Schmiede und Feuer, von Arbeit und Metall, aber man hört auch den Klang des Hammers und der Schmiedewerkzeuge. In «Der Triumph des Bacchus» (Die Trinker) schließlich spürt man den Geschmack des Alkohols, die Scherze, die Schreie, den Geruch von Alkohol … Velázquez ist einzigartig in seiner Art, die Malerei zu verstehen; es ist fast, als hätte ein moderner Filmregisseur im Barock zu malen begonnen.

Was den Tee betrifft, fasziniert mich am meisten seine unglaubliche Vielfalt an Geschmacksrichtungen und Nuancen. So viele Faktoren können seinen Geschmack verändern! Die Teepflanze reagiert so empfindlich auf Veränderungen der Umgebung, dass sie jeden Duft oder Geschmack aufnehmen kann. Tatsächlich können schon wenige gebrauchte Teeblätter den üblen Geruch eines Raumes aufnehmen. Es ist schade, dass im Westen guter Tee nicht so geschätzt wird wie guter Wein. Ich bin sicher, dass mit ein wenig Neugier und Wissen, wer guten Wein schätzt, auch guten Tee schätzen kann.

9. Es gibt immer eine Schwelle zwischen Hochkultur und Populärkultur, aber heute stellen die Säkularisierung und die populäre Verbreitung der Kunst ein Überlebensproblem dar, das jeder Künstler bedenken muss. Was denkst du über dieses Phänomen?

Ich beginne mit dem westlichen, besonders dem europäischen künstlerischen Kontext. Hier wurde die Kunst früher von der Aristokratie beherrscht. Der aristokratische Geschmack verlangte einen grandiosen, ehrgeizigen und monumentalen Stil. Und außerdem finanzierte sie ihn mit beträchtlichen Geldsummen. Der Aristokrat wählte seine Künstler ausschließlich nach Talent und Qualität der Werke. So gewannen Künstler mit elendem Leben und Werten wie Caravaggio die Gunst der Edelsten. Nach der Französischen Revolution, dem Sturz der Aristokratie und dem Aufstieg des Kapitalismus setzte sich der bürgerliche Geschmack durch. Die Kunst wurde nach und nach zu einem kommerziellen Phänomen ähnlich der Mode, in dem der wichtigste Wert die Schaffung einer leicht verständlichen, identifizierbaren, erneuerbaren und wegwerfbaren Darstellung wurde. So setzte sich die Idee des ‚Stils‘ gegenüber der Idee von Schönheit oder Monumentalität durch. Einige Disziplinen, wie die Bildhauerei oder die Architektur, wurden von dieser neuen Auffassung völlig zerstört. Das bedeutet jedoch nicht, dass Künstler mit hohem Schönheitssinn wie Sorolla oder Klimt keinen Erfolg hatten, sondern dass der Grund ihres Erfolgs viel mehr mit ihrem leicht wiedererkennbaren Stil als mit ihrem hohen Schönheitssinn zu tun hat.

Zugleich konnten breite Bevölkerungsschichten Zugang zur Bildung erhalten und dadurch eine höhere Wertschätzung der Kunst entwickeln. Fernsehen und Radio trugen in ihren Anfängen zu dieser Beliebtheit bei, indem sie das Interesse an der Hochkultur mit verschiedenen Interviewsendungen, Theaterstücken, Musicals und einer qualitätvollen Kulturvermittlung förderten. In den 1990er Jahren brach jedoch das Phänomen des Trash-Fernsehens und des Sensationalismus herein, und das Fernsehen wurde zu einem Massenverbreiter einer niedrigen und miserablen Form der Unterhaltung, die verhinderte, dass die neuen Generationen das kulturelle Niveau ihrer Vorgänger erreichten. In diesem Kontext des kulturellen Verfalls verschlimmerten das Aufkommen des Internets, der Videospiele und der sozialen Netzwerke das Problem nur noch. Vargas Llosa beschreibt dieses Phänomen sehr gut in seinem Essay «Alles ist Spektakel» [La Civilización del Espectáculo].

In der Kunstwelt löste diese Popularisierung der leeren Unterhaltung und der Populärkultur eine große Krise aus. Das Bürgertum und die Mittel- und Oberschichten der Gesellschaft, die bis dahin Konsumenten der Hochkultur waren und in der Kunst ein Zeichen kultureller und sozialer Überlegenheit sahen, verloren nach und nach das Interesse daran, ganz zu schweigen davon, Geld zu investieren. Der wahre Kunstmarkt als populäres Phänomen liegt seither außerhalb des dekadenten Europas und der angelsächsischen Welt. China und sogar Lateinamerika haben heute große Teile ihrer Bevölkerung mit hohem Kulturniveau, die sich abheben, wachsen und Kunst sammeln wollen. Die Achse der Kultur und der wirtschaftlichen Zukunft der Menschheit wird zwischen China und Lateinamerika liegen, und ich hoffe, dass dies eine globale kulturelle Renaissance auslösen wird.

10. Was hältst du vom Erfolg des spanischen Künstlers Bakea? Er kombiniert die Zeichen des chinesischen Tierkreises mit spanischen Wahrzeichen. Ist er der erste transkulturelle Hybride in der Geschichte Spaniens?

Ich halte ihn für einen großartigen Illustrator, sein Werk ist zweifellos interessant. Hier ist es wichtig, einen klaren Unterschied zwischen den bildenden Künsten zu machen. Ich glaube, dass sich Malerei radikal von Illustration unterscheidet. Der Zweck der Illustration ist es, ein leicht identifizierbares und reproduzierbares Bild zu schaffen, in dem der technische Ausdruck einer konkreten Idee untergeordnet ist. Auf diese Weise drücken alle Elemente des Werks eine bestimmte Bedeutung aus. Die Malerei dagegen ist nicht wirklich reproduzierbar, nicht einmal durch eine Fotografie, und der technische und konzeptuelle Ausdruck des Künstlers enthält Nuancen, die sich nicht leicht der Darstellung einer bestimmten Idee zuordnen lassen. Der Künstler Bakea schlägt in der Tat eine äußerst interessante transkulturelle Ikonografie vor und beherrscht die neuen Ausdrucksmittel der Kunst im Bereich der Illustration außergewöhnlich gut. Außerdem ist auch der Einsatz von Farbe und Komposition im Bereich der Illustration interessant. Zur transkulturellen Frage zwischen europäischer Kultur und China möchte ich an dieser Stelle an Hergé, den großen Comickünstler, und den Einfluss erinnern, den die chinesische Kultur auf ihn hatte. Vor Kurzem gab es in Madrid eine äußerst interessante Ausstellung über ihn, und einer ihrer Abschnitte war der Freundschaft gewidmet, die er mit Zhang Chongren schloss, einem chinesischen Künstler, den er während seiner Studienzeit in Brüssel kennenlernte. Zhang zeigte Hergé eine neue Art, Tuschezeichnung zu verstehen, und schenkte ihm chinesische Pinsel und Federn, vor allem aber eröffnete er ihm eine unbekannte Kultur, die Hergés Werk völlig prägte. Ich bleibe bei diesem Beispiel des ‚transkulturellen Hybriden‘, wie du es nennst. Abschließend möchte ich hinzufügen, dass, so wie viele westliche Illustratoren und Künstler von der östlichen Tradition der Tuschezeichnung beeinflusst wurden, die Einführung der Ölmalerei in China sehr große Künstler hervorgebracht hat, die das Beste jeder künstlerischen Tradition zu vereinen wussten.